Mein Leben als Nicht-(MEHR)-Christ

Mittlerweile sind knapp 5 Jahre vergangen, seit ich den christlichen Glauben abgelegt habe. Ich habe mir die Frage gestellt, wie es mir geht, ob ich zurecht komme, etwas vermisse... Diese Rubrik ist vor allem für diejenigen Besucher meiner Website interessant, die sich mit dem Gedanken befassen ihren Glauben aufzugeben. Du fragst dich vielleicht: Wie wird sich das anfühlen? Werde ich in ein Loch fallen? Kann ich das auf Dauer vertreten? Hat mein Leben ohne Glauben noch Sinn? Diese und ähnliche Fragen können einen plagen und den vielleicht längst schon fälligen Schritt unnötig abbremsen.

 

Ich möchte Dir erzählen wie es mir geht...

 

Zuallererst möchte ich gleich mal loswerden, dass ich meinen Schritt absolut nicht bereue und heute immer noch zu hundert Prozent dazu stehe. Ich vermisse nichts - im Gegenteil, ich habe viel Besseres hinzu gewonnen! Mein Lebensgefühl und Lebensglück ist ohne das fundamental geprägte Glaubensbild weit höher als zuvor. Ich habe neue Freunde dazu gewonnen und fühle mich ohne das frühere christliche Verständnis viel freier als zuvor. Im Detail kann ich Dir zu den folgenden Stichpunkten einiges sagen:

 

  • Gottesdienste -   Äußerst angenehm empfinde ich es, nicht mehr zu solchen Veranstaltungen (auch zu Bibelstunden, Gebetsabenden und dergleichen) hingehen zu müssen. Nicht wegen der Menschen dort - nein, das Zusammensein habe ich immer geschätzt. Es geht um die Lobhudelei gegenüber dem angeblich allmächtigen, weisen und barmherzigen jüdisch-christlichen Gott. Ich muss diesen Gott nicht mehr in Lied und Wort ertragen, den Predigten lauschen, die ich schon tausendmal gehört habe. Botschaften, die unreflektiert, bedenklich, oft schon von den damaligen Schreibern der Bibel gefälscht wurden. Ich gebe zu: Ab und an war ein gutes Körnchen dabei: die Botschaft von Liebe, Barmherzigkeit, Vergebung und Nächstenliebe. Jedoch habe ich zunehmend festgestellt, dass diese Werte nicht unbedingt aus dem christlichen Glauben entspringen Es handelt sich um menschliche Haltungen, die in vielen anderen Religionen vorkommen und auch von Menschen praktiziert werden, die an gar keine Götter glauben.
  • Gebete -   (vor allem für Kranke) Hier fällt mir spontan der Song der Band BAP ein "Wenn et Bäda sich lohne dät, was meenst wohl, was ich dann bäda dät, bäda dät".  Ich wälze keine unnötigen Gebete mehr hin und her und spare dabei eine Menge Zeit. Wenn ich mir im Internet die hochgejubelten Gebetserhörungen auf YouTube oder sonstigen Seiten anschaue, kann ich gelassen abwinken. Meiner Meinung nach handelt es sich um ordentlich aufgeplusterte Nachrichten. Ich kenne das aus meiner Gemeindezeit: wenn der Aufruf in der Versammlung kam, nach vorne zu kommen, um zu erzählen, was der Herr Wunderbares gewirkt habe, dann hörte ich sehr oft hahnebüchene Storys, mit wenig Gehalt und dazu noch ordentlich aufgeblasen. Die Wahrheit war, dass ich damals in der Gemeinde mit meinen Brüdern und "Brüderinnen" :-) zusammen sehr viel gebetet und manchmal auch dazu gefastet habe. Ergebnis: die Kranken sind nicht gesund geworden,  bei Vielen wurde es sogar noch schlimmer, unsere Krebspatienten sind allesamt gestorben. Da war nichts mit großen Wundern! Halsweh oder Beinschmerzen sind weggegangen, aber das wäre auch ohne Gebet passiert. Ich nutze die Zeit heute sehr viel effektiver: Bücher lesen, Gitarre spielen, mit dem Hund Gassi gehen....
  • Freunde -  habe ich verloren, das war zum Teil sehr schmerzhaft für mich. Anfangs ging ich selbst auf Distanz, um den Glauben meiner Glaubensgenossen nicht zu gefährden. Als Ketzer wollte ich sie nicht mit Zweifeln und Unglauben infizieren. Das halte ich im Prinzip bis heute so aufrecht. Wer sich der Thematik stellen will, der kann ja diese Seite studieren oder mein Buch lesen.  Zum anderen habe ich festgestellt, dass manche gläubigen Freunde immer noch an einer gelassenen Beziehung mit mir festhalten - und das genieße ich sehr. Vor einiger Zeit kam es zu einer komischen Situation, als ein Bruder mir bei einer Reparatur half, die nicht leicht zu bewerkstelligen war, am Ende klappte es zu unserer Überraschung federleicht. Wir mussten beide lachen, als uns beiden zur selben Zeit ein "Halleluja" über die Lippen ging und ich ihn fragte, ob er gebetet habe. Er gestand das unter Lachen ein. Auf der anderen Seite habe ich seit meinem Ausstieg neue Freunde dazu gewonnen. Ein Bruder aus einer anderen Denomination ist dabei, der jahrzehntelang als Fundamentaler in seiner Gemeinde wirkte. Er gestand mir letztens bei einem gemütlichen Bier freudig ein, dass er sein Ältestenamt aufgegeben habe; aus familiären Gründen könne er sich noch keinen offiziellen Ausstieg aus der Gemeinde erlauben, aber zu gegebener Zeit würde er das nachholen. Er hat sich, wie ich, nach vielen Jahren endlich getraut, seinen Zweifeln an den biblischen Geschichten nachzugehen. Bei ihm sind es vor allem naturwissenschaftliche Themen die ihn überzeugen seinem Glauben eine Abfuhr zu erteilen. Ich rate jedem Aussteiger(in) dem Fakt des Abschiedsschmerzes in' s Auge zu sehen. "Freunde" werden einen vielleicht nicht mehr grüßen oder sogar noch mehr bedrängen. Das gilt es auszuhalten! Auf einen Ausstieg nur deshalb zu verzichten, finde ich Nonsens - man lügt sich ja selbst in die eigene Tasche. Und neue Freunde finden sich allemal!    
  • Weltanschauung -    Ich empfinde es als großes Vorrecht meine Weltanschauung verändern zu dürfen. Erkenntnisse wandeln sich im Laufe der Zeit, ergänzen sich und bauen aufeinander auf. Manches muss auch abgelegt und widerrufen werden. Als Christ war das nicht möglich. Das theologische Konstrukt stand felsenfest und unverrückbar. Entfernte man sich davon, wähnte man sich in der Gefahr, ab zu fallen. Heute kann ich über diese früheren Ängste nur schmunzeln.  Die Quellen meiner jetzigen, humanistisch-naturalistisch orientierten Weltanschauung, stammen aus Publikationen namhafter Wissenschaftler und Philosophen.
  • Toleranz -  wurde in meiner Zeit als Christ zwar nach außen hin vertreten, jedoch nicht wirklich praktiziert. Als weltoffene Glaubensgemeinschaft gab man sich in der Regel gegenüber Vertretern anderer Religionen, Lebenseinstellungen, sexueller Neigungen und Weltanschauungen zwar offen und gesprächsbereit, jedoch war das nur Mittel zum Zweck! Letztlich wollte man durch "den rechten Glauben" Menschen zur Bekehrung anleiten und sie so auf den richtigen Weg bringen. Andersdenkende/Andersgläubige/Glaubensaussteiger werden generell als „Welt“ dargestellt, von der sich jeder Christ abgrenzen soll. (Zitate aus der Bibel: "Seid nicht Teil dieser Welt" - "Habt keinen Anteil mit ihnen" etc.), Sexualität außerhalb der Ehe (sogar Selbstbefriedigung) wird als Sünde definiert, auch homosexuelle Praktiken werden verurteilt. Mein persönliches Empfinden gegenüber Menschen mit anderen Lebenskonzepten ist erst nach meinem Glaubensausstieg toleranter geworden, so meine eigene Einschätzung.
  • Hin biegen -  muss ich nichts mehr! Den unmenschlichen, grausamen Gott (v.a. im  AT, aber auch an einigen Stellen des NT) muss ich nicht mehr in Schutz nehmen und  behaupten, dass das doch "nur ein Bild sei"... ganz anders gemeint etc. Ich muss nicht jonglieren oder auf dem Hochseil tanzen. Das Gleichgewicht hat der biblische Gott  verloren. Er ist krachend abgestürzt. Der biblische Gott zeigt sich neben den klassischen Sahnestückchen in der Bibel, die seine große Barmherzigkeit, seine Sanftmut und Geduld preisen, als ein narzistisch veranlagter, schwarz-weiß-malendes, unberechenbares Wesen, das seine Lieblinge schützt und andere  Wesen gerne erschlägt, so dass das Blut spritzt und ihre Seelen auf ewig in der Hölle leiden. Als Christ muss Jesus immer an erster Stelle stehen (Bibelstellen: "wer mir nachfolgen will, der ...", Wer andere mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig" etc.). Wem ich wie viel Ehre gebe entscheide ich höchstpersönlich! Apropos Narzismus: der jüdisch-christliche Gott liebt es angebetet zu werden und sucht laut Bibel sogar solche die ihn anbeten... ist das nicht ein zutiefst krasses Bild einer krankhaften Persönlichkeit? Wie verträgt sich das mit seiner angeblichen Demut? Wieder einmal ein Widerspruch, den ich als Nicht-(MEHR)-Christ auf keinen Fall mehr hinbiegen muss :-)
  • Himmel, Hölle - Diese biblischen Bilder jagen mir keine Angst mehr ein. Meinem Tod darf ich gelassen entgegen sehen. Neben mir sterben und starben Milliarden Menschen ohne den christlichen Glauben. Die meisten davon hatten nicht einmal eine Chance sich zum angeblich heilbringenden Herrn Jesus zu bekehren. So bin ich in guter Gesellschaft mit vielen anderen Individuen. Ob danach etwas kommt? Oder weiter besteht? Meinen Körper jedenfalls gebe ich gerne an die Natur ab. Ich hoffe nur, dass er sich umweltverträglich in den Kreislauf der Natur einfügt :-)
  • Freiheit -  erlebe ich wirklich nur als Nichtchrist! Und nicht wie die Bibel behauptet als Nachfolger von Jesus Christus. Kultur in den verschiedensten Bereichen kann ich nun in vollen Zügen genießen, ohne das schlechte Gewissen im Hintergrund, wenn man z.B. "Holy Diver" von Rio James Dio oder "Hells Bells" von ACDC angehört und sich dabei leise in 's Zimmer zurückgezogen hat....  Den Teufel muss ich nicht mehr fürchten, ist er doch letztlich ebenfalls ein Konstrukt einer archaisch jüdisch-christlichen Welt und seiner Schreiber. "Das Leben des Brian" schaue ich mir immer wieder gerne an, karikiert es doch vortrefflich den religiösen Nonsens. Meine persönliche Meinung muss ich niemand auf das Auge drücken, obwohl das durch das Veröffentlichen des Buches und dieser Internet-Seite behauptet wird. Wenn jemand Christ bleiben will, bitteschön, soll er doch darin glücklich bleiben! Ich verspüre keinen verpflichtenden Drang mehr wie damals, als Christ eine "heilsame Botschaft" verkündigen zu müssen (Siehe Missionsbefehl, Bibel, Matthäus 28). Ich kann still sein, kann aber auch nicht still sein, gerade so, wie mir der Sinn danach scheint  :-)