Blick ins Buch


 

 

Meine Kindheit / erste Berührungen mit dem Glauben

Ich bin als ältester Sohn, zusammen mit zwei 3 und 9 Jahre jüngeren Geschwistern, in einer Familie aufgewachsen, die kirchlich überhaupt nicht engagiert war. Meine Eltern waren beide evangelisch. Jedoch hatten sie mit der Landeskirche „nicht viel am Hut“. Man machte eben das mit, was für das Leben vorgegeben war: als Baby wurde man getauft, man genoss den evangelischen Religionsunterricht in der Schule, mit 14 Jahren stand nach einjährigem Konfi-Unterricht die Konfirmation an, geheiratet wurde auf dem Standesamt, danach die kirchliche Hochzeit, ab und zu besuchten wir einen Gottesdienst an Weih-nachten oder an Ostern, den Pfarrer sah man hin und wieder auf Beerdigungen und das war es auch schon. Was unsere evangelische Kirchengemeinde an Projekten und Gottesdiensten bewegte und wer in den Kirchengemeinderat gewählt wurde, er-fuhren wir durch das Amtsblatt, dem sogenannten „Gmoinds-Blättle“, wie es bei uns im schwäbischen so schön heißt. Auf die Idee, aktiv mitzuwirken kam keiner von uns – Kirche war „Nebenschauplatz“. Vor dem Essen wurde bei uns nie gebetet. Der bekannte Aus-spruch „Gesegnete Mahlzeit“ war heruntergradiert zu einem langgedehnten „Maaahlzeit“ oder „Guten Appetit“. Beten wurde in der Familie nicht praktiziert, es war für den Gottesdienst in der Kirche vorbehalten. Dennoch bekamen wir Kinder von unserer Mutter ein kleines Kindergebet beim zu Bett gehen gelehrt. Es lautete: „Mein Herz ist klein, darf niemand hinein, als nur mein liebes Jesulein!“ Ein Gebet, das heute noch in den ver-schiedensten Ausschmückungen existiert. Ich habe es als klei-ner Junge gerne gebetet, aber schon mit einem großen Fragezeichen. Mir war nämlich völlig unklar, weshalb der Herr Jesus etwas dagegen haben sollte, wenn ich andere Menschen in mein Herz schließen wollte. War Jesus auf mich böse, wenn ich meine Mama liebhabe? Das hat mich ganz schön beschäftigt. Heute weiß ich ein wenig mehr. Es gibt zwei Bibelstellen die ei-nen Bezug zu diesem Kindergebet aufweisen. Die erste steht im Matthäus-Evangelium, Kap. 10,37. Dort spricht Jesus: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig!“ Die sehr viel heftigere Parallelstelle lesen wir in Lukas 14, 26. Jesus sagt dort: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein“…

„Mehr lieben“ und „hassen“ sind sehr gegensätzliche Begriffe. Die Widersprüchlichkeit der Bibel zeigt sich schon an diesen kleinen Stellen. Nehmen wir zugunsten des relativ kleinen Problems an, dass der „liebe“ Herr Jesus keine bösen Gedanken bei seinen Aussprüchen hatte und der Verfasser Lukas womöglich nicht richtig informiert war: Jesu Toleranz hat klare Grenzen! Er genehmigt es, wenn Gläubige andere Menschen in ihr Herz schließen und lieben, aber: mit einem großen aber! Nur er selbst, Jesus, darf die erste Stelle einnehmen, alle anderen Dinge müssen sich unterordnen – Punkt! Man kann das gerne so stehen lassen, aber mich beschleicht heute ein außerordentlich ungutes Gefühl....